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Hauptziel der Strategie für sicherere Fahrzeuge bis zum Jahr 2020 ist es, die Qualität von Neufahrzeugen in den wachstumsstarken Märkten der Länder mit mittlerem Einkommen zu verbessern. Dies ist der Punkt, an dem die zweigleisige Push&Pull-Strategie aus gesetzlichem Druck und Verbrauchernachfrage ansetzen muss. Je früher die Ausstattung aller Neufahrzeugmodelle mit adäquaten Sicherheitsstandards verpflichtend gemacht wird, desto rascher lässt sich eine Gesamtverbesserung der Fahrzeugsicherheit von Pkws weltweit erreichen.
Wenn hingegen in Ländern, in denen die Motorisierung rasant steigt, weiterhin Millionen von Neufahrzeugen ohne ausreichende Sicherheitsstandards verkauft werden, so sind die Verkehrsteilnehmer noch jahrzehntelang zwangsläufig dem vermeidbaren Risiko tödlicher Verkehrsunfälle ausgesetzt. Denn die heutigen Neuwagen ohne ausreichenden Sicherheitsstandard werden noch viele Jahre lang als Gebrauchtwagen auf der Straße sein und zwar nicht selten in mehr als einem Land. Wenn diese unsicheren Fahrzeuge weiter betrieben werden, so steigt damit auch das Risiko von Unfällen mit tödlichem Ausgang im Vergleich zu Fahrzeugen, die die UN-Mindestsicherheitsstandards erfüllen.
Demzufolge entscheiden primär die Absatzzyklen der Automobilhersteller darüber, wie rasch sich Fortschritte in der Pkw-Sicherheit erzielen lassen. Das zeigt u.a. die im australischen Bundesstaat New South Wales durchgeführte Kohortenstudie, die sich mit der Auswirkung von Alter und Nutzungsdauer auf die Fahrzeugsicherheit befasste. In Ländern mit hohem Einkommen liegt die Lebensdauer eines durchschnittlichen Pkws bei etwa 13 Jahren, bzw. 240.000 km. Durch höhere Zuverlässigkeit und adäquate Wartung kommen Fahrzeuge jedoch durchaus auf einen Kilometerstand von bis zu 380.000 km. In Ländern mit mittlerem Einkommen ist davon auszugehen, dass Pkw-Besitzer ihre Autos sogar noch länger fahren. In Europa hat es etwa 20 Jahre gedauert bis Fahrzeuge mit höherem Sicherheitsniveau den Bestand nahezu vollständig durchdrungen haben. Die EU führte ihre Frontal- und Seitenaufpralltests erstmals 1998 ein (UN-Reg. 94 und 95). Anfangs nur bei Neumodellen verpflichtend, wurden die Tests bis 2003 sukzessive für alle angebotenen Neuwagen Vorschrift. In der Folge ist in Europa die Zahl sicherer Neuwagenseit 1998 jährlich um Millionen gestiegen. Im gleichen Zeitraum wurden Millionen älterer Fahrzeuge ohne entsprechende Sicherheitsstandards abgemeldet und entweder in Nicht-EU-Länder verkauft oder verschrottet. Heute würde der weitaus größte Teil der Pkws auf europäischen Straßen diese Frontal- und Seitenaufpralltests bestehen. Die positive Auswirkung der Verordnungen (in Verbindung mit der EURO NCAP-Kampagne für „Fünf-Sterne-Sicherheit“) ist der wichtige Beitrag, den sie in der EU zur eindrucksvollen Verringerung der Zahl der Pkw-Unfälle mit tödlichem Ausgang um 55 % geleistet haben.
Auch in den USA hat es lange gedauert, bis sich wichtige Sicherheitselemente im Fahrzeugbestand etabliert haben. Front-Air-bags beispielsweise werden seit 1984 angeboten, doch erst seit 2000 gehören sie in den meisten privat genutzten Pkws zur Pflichtausstattung auf der Fahrerseite. Trotzdem hatten 2010 (also zehn Jahre später) noch immer geschätzte 13 Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge keinen Front-Airbag. Die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre in Australasien, der EU und den USA haben gezeigt, dass die Marktkräfte allein nicht ausreichen, um die gewünschten Fortschritte in der Fahrzeugsicherheit zu erzielen. Hier spielt eine verbesserte Verbraucherinformation eine wichtige Rolle. Die Erfahrungen belegen auch eindrücklich, warum gesetzliche Maßnahmen sinnvoll und letztlich unverzichtbar sind. Das lässt sich am Beispiel der Unfallvermeidungstechnologie ESC deutlich ablesen. Die ursprünglich Mitte der Neunziger Jahre entwickelte Technologie wurde auf dem Markt zunächst nur von Herstellern im Premium-Segment angeboten. Mit der Zeit zogen alle großen Hersteller nach und das System wurde flächendeckend über die gesamte Produktpalette angeboten, allerdings nicht als Standard sondern als Option. Daraufhin erhöhte sich zwar die Einbauquote, in den hart umkämpften Kleinwagenklassen blieb sie jedoch niedrig, ja fast vernachlässigbar, also ausgerechnet in den Fahrzeugen, die ESC am dringendsten benötigten.
Die Tatsache, dass die Durchdringung dieser Technologie im umsatzstarken, aber renditeschwachen Segment der Kleinwagen nicht richtig in Fahrt kam, ist ein klassisches Beispiel dafür, dass die Marktkräfte hier versagen. Um eine hundertprozentige Marktdurchdringung von ESC in allen Fahrzeugsegmenten zu garantieren, sprich das volle Sicherheitspotential der Technologie zu entfalten, bedurfte es staatlicher Maßnahmen. Das ist gelebte Demokratisierung der Fahrzeugsicherheit und genau deshalb haben Australien, die EU, Japan, Südkorea, USA und seit kurzem auch Neuseeland ESC – wenn auch erst zwanzig Jahre nach seiner Erfindung – verpflichtend gemacht. Könnten die wichtigsten UN-Sicherheitsstandards heute flächendeckend in Ländern mit mittlerem Einkommen und rasant steigendem Motorisierungsgrad angewandt werden, dann könnte eine neue Generation sichererer Pkws (mit Airbag, Knautschzonen und ESC) im Straßenbild erscheinen. Diese qualitativ hochwertigeren Autos würden dann mit nur wenigen Jahren Verzögerung in Ländern mit geringen und mittleren Einkommen auf dem Gebrauchtwagenmarkt auftauchen und auch dort für mehr Sicherheit sorgen. So ließe sich sukzessive weltweit eine adäquate Kollisionssicherheit und Unfallvermeidung im Gesamtbestand erreichen. Deshalb bedarf es jetzt entsprechender gesetzlicher Vorschriften, um gleiche Ausgangsvoraussetzungen zu schaffen und als Katalysator für eine hundertprozentige Durchdringung bzw. „umfassende Demokratisierung“ dieser bewährten und wirksamen Sicherheitssysteme zu fungieren. So könnte bis 2020 eine Verbesserung der Sicherheitsqualität aller Neuwagen und sukzessive bis zum Jahr 2030 und später für das Gros der zugelassenen Fahrzeuge auf den Straßen in die Wege eingeleitet werden.
Der Zeithorizont von 20 Jahren ist ein realistischer Zeitrahmen für die Durchsetzung wichtiger Verbesserungen der Fahrzeugsicherheit weltweit. Die Veränderung vollzieht sich nicht von heute auf morgen, aber die geänderten Vorschriften werden im Laufe und im Tempo der Bestandserneuerung zu einer Verbesserung des Sicherheitsniveaus führen. Deshalb ist es dringend geboten, im Rahmen der UN-Dekade der Verkehrssicherheit, insbesondere die Länder mit mittlerem Einkommen, in denen große Automobilhersteller angesiedelt sind, dazu aufzurufen, zügig neue Vorschriften einzuführen. Denn mit jedem weiteren Jahr, in dem sich nichts tut, taucht ein weiterer Schwung von Millionen neuer Autos auf den Straßen auf, die die gebotenen Sicherheitsstandards nicht erfüllen, unsicher sind und dadurch auf Jahrzehnte hinaus eine mögliche Quelle von Unfällen mit Personenschaden oder tödlichem Ausgang sind.
(Quelle: Continental)
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