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Gleich zwei Projekte realisierte Starfotograf Peter Lindbergh im vergangenen Jahr für Pirelli. Zum einen produzierte er Emotional, den international hochgelobten Pirelli Kalender 2017. Zum anderen machte er im Technologie-Zentrum des Reifen-Herstellers in Settimo Torinese Aufnahmen für eine Ausstellung zum Thema Innovation. Sie wird im Verlauf dieses Jahres stattfinden. Geistiger Urheber dieser Idee ist Konzern-Chef Marco Tronchetti Provera, wie Peter Lindbergh im folgenden Interview erzählt.
Der weltbekannte Modefotograf Peter Lindbergh macht in einem Technologie-Zentrum Aufnahmen von Robotern. Wer oder was inspirierte Sie dazu?
Peter Lindbergh: Das Projekt wurzelt in einem Treffen mit Marco Tronchetti Provera, in dem wir über Ansätze für den Pirelli Kalender 2017 sprachen. Er sagte „Peter, wir sind ein Hightech-Unternehmen, daher möchte ich gern etwas Innovatives machen.“ Seine Idee war, im neuen Pirelli Kalender auch ausgewählte technische Aspekte zu zeigen. Ich fand seine Anregung auf Anhieb interessant. Doch um ehrlich zu sein: Zunächst erklärte ich Marco, dass sein Vorschlag nicht durchführbar sei. Doch im weiteren Verlauf des Gesprächs legte er seinen Standpunkt so intelligent und überzeugend dar, dass ich mich mehr und mehr dafür begeisterte. Marco erläuterte mir sehr anschaulich, was Maschinen und Technologie für ihn sowie für die Geschichte von Pirelli bedeuten. Mir wurde klar: Diese Aspekte in den Kalender zu integrieren, ist eine große, spannende Herausforderung. Und so besuchte ich anderntags das Technologie-Zentrum in Settimo Torinese, um zu erfahren, wie es auf mich wirkt, welche Gefühle es in mir erzeugt. Dort wurde mir schnell klar: Aus produktionstechnischen Gründen ist es völlig unmöglich, die Schauspielerinnen an diesem Ort zu fotografieren. Doch ich schlug vor, allein ins Werk zu gehen, um Aufnahmen von den Maschinen und Robotern zu machen. Ich wollte versuchen, eine emotionale Beziehung zu ihnen zu entwickeln und sie so zu fotografieren, als seien sie Menschen. Ich war unsicher, ob mir das gelingt. Doch mit den Ergebnissen war und bin ich sehr zufrieden. Einige der Roboter verhalten sich tatsächlich fast so wie Menschen.
Wie fühlte es sich an, in dieser ungewohnten, hochtechnisierten Umgebung zu arbeiten?
Peter Lindbergh: Ich hatte das Gefühl, mich auf einem anderen Planeten oder in einem anderen Universum zu bewegen. Nie zuvor hatte ich Fabrikrobotern bei der Arbeit zugesehen, ihrer ungeheuren Präzision, mit der sie sich bewegen und ihre Aufgaben erfüllen. Dass soetwas überhaupt möglich ist, hat mich ungeheuer fasziniert. Während ich den Robotern bei der Arbeit zuschaute, wurde mir vollends klar, was Marco mir zuvor erläutert hatte, verstand ich die Gründe für sein philosophisches Interesse an der Fabrik und diesen Maschinen, seine Leidenschaft für diese wunderbaren Anlagen. Dass Roboter zugleich ebenso künstlich wie menschenähnlich wirken können, war etwas, was ich mir zuvor nicht hätte träumen lassen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte die Roboter emotional berühren und sie spüren. Das war eine ganz erstaunliche Erfahrung.
Ihre Aufnahmen aus dem Technologie-Zentrum von Pirelli werden in diesem Jahr in einer Ausstellung über Innovationen zu sehen sein. Beeinflussen technische Innovationen Ihre künstlerische Arbeit als Fotograf?
Peter Lindbergh: Nein, davor schütze ich mich. Junge Fotografen wissen doch gar nicht, was es bedeutet, Aufnahmen mit einer analogen Kamera zu machen. Als digitale Kameras aufkamen, haben sie mich überhaupt nicht interessiert. Ich war völlig zufrieden mit den Möglichkeiten des damals üblichen Equipments. Mit der Zeit lernte ich, dass digitale Kameras in vielerlei Hinsicht fantastisch sind. Doch sie haben zwei große Mängel. Erstens: Ihre Bilder sind zu scharf. Ihnen fehlt das Weiche, die Emotion. Zweitens: Sie zerstören die Intimität zwischen Fotografen und Modell. Denn jedes Bild, das ich mit einer digitalen Kamera mache, erscheint sogleich im Nebenraum auf einem Monitor und wird sofort von mehreren Leuten kommentiert. Das verhindert das Entstehen einer besonderen Beziehung zwischen mir und dem Modell, aus der besondere Aufnahmen hervorgehen.
(Quelle: Pirelli)
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