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„Was, ich soll neue Winterreifen kaufen? Nein, meine Alten haben schließlich noch 2,5 Millimeter Restprofil!“ Brüsk reagieren nicht wenige Kunden auf die Empfehlung ihres Reifenhändlers, die Pneus bereits deutlich vor Erreichen der gesetzlich festgeschriebenen Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimetern zu ersetzen. Zu groß erscheint ihnen die Spanne bis zu den 4,0 Millimetern, welche in der Reifen-Branche als Verschleißgrenze für Winterprofile gilt. Manche vermuten gar einen Marketing-Schulterschluss zwischen Industrie und Handel, um den Absatz anzukurbeln.
Daher sollen nachfolgend Reifen-Experten zu Wort kommen, die nicht im Verdacht stehen, den Verkauf von Winterreifen forcieren zu wollen. „Ja, wir geben unseren Lesern die Empfehlung, vor Erreichen der Mindestprofiltiefe zu wechseln“, betont Martin Urbanke, Geschäftsführender Redakteur der AUTO ZEITUNG, Köln. „Denn wir sind der Überzeugung, dass die Performance der Reifen speziell auf Nässe sowie auf Schnee mit abnehmender Profiltiefe stark nachlassen kann.“ Auf Nässe beeinträchtige eine abnehmende Profiltiefe die Leistungen in den Kategorien Handling, Bremsen und Aquaplaning, weil weniger Wasser aus der Reifenaufstandsfläche verdrängt werde. Auf Schnee würden die Werte in den Klassen Bremsen, Anfahren und Spurhalten sinken, weil ein Reifen sich umso weniger mit dem Untergrund verzahne, je weniger Profiltiefe zur Verfügung stehe. „Die Effekte sind selbstverständlich je nach Profilgestaltung sowie Menge und Schnitttiefe der Lamellen unterschiedlich stark ausgeprägt“, erläutert Martin Urbanke.
Um zu zeigen, dass die Aussagen auch für moderne Pneus gelten, die dem Stand der Reifentechnik entsprechen, führte die Redaktion der AUTO ZEITUNG im Herbst 2014 einen Test durch. Dabei wurden verschiedene Reifensätze des aktuellen Winterreifenprofils eines führenden Herstellers miteinander verglichen. Die Reifensätze hatten dasselbe
Produktionsdatum, aber unterschiedliche Profiltiefen: 8,0 Millimeter, 4,0 Millimeter und 2,0 Millimeter. Die nasse, 1.640 Meter lange Handlingstrecke schaffte der Reifen mit 8,0 Millimetern Profiltiefe in 86,0 Sekunden. Der Reifen mit 4,0 Millimetern benötigte 90,7 Sekunden, der Pneu mit 2,0 Millimetern Profil 92,2 Sekunden.
Beim Aquaplaning-Test schwamm der Neureifen bei 81 km/h auf. Der Reifen mit 4,0 Millimetern Profil verlor bei 71 km/h die Kontrolle, während der auf 2,0 Millimeter Restprofil abgefahrene Reifen bereits bei 67 km/h aufgab.
Winterreifen mit weniger als vier Millimeter Restprofil gehören aus Gründen der Sicherheit nicht ans Auto, urteilten Reifen-Experten von der GTÜ Gesellschaft für Technische Überwachung mbH, Stuttgart. Geringere Profiltiefen hätten auf Schnee, Matsch, Glätte und Nässe mitunter katastrophale Folgen, wie Tests der GTÜ-Experten aus dem Jahr 2015 belegen. Auch sie verwendeten Reifensätze gleichen Produktionsdatums eines aktuellen Winterreifenprofils, deren Profiltiefen 8,0, 4,0 und 2,0 Millimeter betrugen. Die Ergebnisse: Beim Bremsen auf Schnee aus Tempo 50 km/h hatten die Reifen mit 4,0 Millimetern Profil einen sechs Meter längeren Bremsweg als die Neureifen. Bei nur 2,0 Millimeter Restprofil registrieren die GTÜ-Tester einen elf Meter längeren Bremsweg.
Bei einer Vollbremsung aus 100 km/h auf nasser Fahrbahn benötigten die Reifen mit 4,0 Millimeter Profil neun Meter mehr bis zum Stillstand als die Neureifen. Bei den abgefahrenen Reifen mit zwei Millimetern Restprofil waren es satte 14 Meter mehr.
„Auf Fahrbahnoberflächen mit geschlossenem Wasserfilm hat die Profiltiefe eines Reifens einen entscheidenden Einfluss auf die übertragbaren Kräfte in Längs- und Querrichtung“, erläutert Professor Dr.-Ing. Patrick Moldenhauer vom Fachbereich Maschinenwesen der Fachhochschule Kiel. Das Entwässerungsvermögen eines Reifens wird mit abnehmender Profiltiefe immer schlechter. Denn infolge des geringeren Negativanteils und der Verkleinerung der Drainage-Kanalquerschnitte des Reifens kann der Wasserfilm in der Aufstandsfläche nicht mehr ausreichend aufgenommen und verdrängt werden. Dadurch verringert sich das zur Verfügung stehende Kraftschlusspotential deutlich.
“Im Gegensatz zur nassen Fahrbahn bewirkt eine geringere Profiltiefe auf trockenen Oberflächen hingegen eine Erhöhung des Kraftschlusspotentials”, betont Professor Moldenhauer. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass zum Profilgrund hin die Profilelemente an Dicke zunehmen und sich dadurch mit wachsendem Verschleiß eine größere Reifenaufstandsfläche ergibt. Zum anderen stellt sich bei großen Profiltiefen eine erhöhte Beweglichkeit der Profilelemente in Längs- und Querrichtung ein. Diese Beweglichkeit kann zu einem Verkippen der Profile und damit zu einer Verringerung der Reifenaufstandsfläche führen.
Doch angesichts der Witterungsverhältnisse in Deutschland wird die Nasshaftung von Winterpneus immer wichtiger, wie Mitarbeiter der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden darlegen. So stellten die Forscher bei der Analyse realer Unfalldaten fest, dass zwischen Oktober und März fast doppelt so viele Autos auf nasser Fahrbahn in einen Unfall verwickelt werden als im Sommerhalbjahr.
Fehlender Grip der Reifen und damit nicht optimale Bremsleistung auf Nässe waren bei 81 Prozent der von den Wissenschaftlern untersuchten Verkehrsunfällen die Unfallursache. „Der hohe Anteil verdeutlicht die Wichtigkeit der Nasshaftung bei Reifen”, betont Professor Dr.-Ing. Lars Hannawald, Geschäftsführer der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden. Damit Winterreifen auch diese Aufgabe bestmöglich erfüllen können, müssen sie über ausreichend Profiltiefe verfügen.Lars Hannawald: “Zweifellos sind drei oder vier Millimeter Profil besser und sicherer als 1,6 Millimeter. Das gilt in erster Linie bei nasser und verschneiter Fahrbahn, wenn es entscheidend auf die Qualität und den Zustand des Profils ankommt.” Anhand ihrer Daten errechneten die Dresdner Wissenschaftler, dass bei 20 Prozent der in einen Unfall verwickelten Autos die Reifen weniger als die empfohlenen vier Millimeter Profiltiefe hatten. Bei drei Prozent der Fahrzeuge lag die Profiltiefe sogar unter den gesetzlich erlaubten 1,6 Millimetern.
Die Ergebnisse vorliegender Praxistests und Forschungsarbeiten sind eindeutig: Um genügend Sicherheitsreserven zu haben, sollten Winterreifen nicht weniger als vier Millimeter Restprofil aufweisen.
(Quelle: Pirelli)
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